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Artikel in danube connects – das magazin für die donauländer Ausgabe 1/2016
Roma-Projekt

Mit Filzpantoffeln in die Zukunft

Ein Pferdewagen nach dem anderen biegt in die gepflasterte Straße in Richtung der rumänischen Stadt  Kirchenburg ein, deren Ortskern zum UNESCOWelterbe  gehört, dahinter grüne Hügel bis zum Horizont.
Viscri ist eine Zeitreise ins Mittelalter – aber auch ein Vorzeigedorf, in dem vieles anders ist: Hier wird nicht gebettelt, von Ausgrenzung der Roma nichts zu spüren.
Der Pferdewagenkutscher, die strickende Frau am Straßenrand, sie begegnen einem auf Augenhöhe.

„Fast alle Kinder gehen hier zur Schule, was uns von anderen Dörfern unterscheidet“, freut sich Tina Bing. Sie und Annette Schorb – zwei deutsche „Aussteigerinnen“, die es  auf der Suche nach dem einfachen Leben hierher verschlagen hat – engagieren sich vor Ort für sozial schwache Menschen. Früher war vieles noch anders in Viscri. Anfangsprojekte, wie Straßenschule oder  Armenküche sind längst überholt. Seit dem Ende des Kommunismus leben ca. 70 Prozent Roma in Viscri.
Mangelnde Arbeits- und Ausbildungsmöglichkeiten und fehlende Verkehrsanbindungen halten sie im Teufelskreis der Armut fest – oder treiben in den Westen. Viscri ist kein Einzelfall. „Doch man müsste den Leuten in Deutschland mal sagen, wie heimatverbunden die Menschen hier sind“, meint Tina Bing. „Die meisten würden sehr viel dafür geben, Zuhause leben zu können!“

Eine Musterlösung für sie gibt es nicht. Nur einen Weg vieler kleiner Schritte. Annette Schorb erzählt, wie vor 15 Jahren alles begann: mit einem Paar Socken aus aufgetrennter Pulloverwolle als Tausch gegen Lebensmittel. Heute stricken und filzen 80 Frauen im Verein „Viscri incepe“: Socken, Mützen, Hüte und bunte Hausschuhe aus Naturwolle werden im Ladencafé hinter der Kirchenburg verkauft oder nach Deutschland geschickt.
Für viele ist es das einzige Einkommen der Familie. Unterstützung aus Deutschland kam  2007 durch den Verein InSoPro  aus Stegen.  „Zufall oder Schicksal – ich kam genau zu dem Zeitpunkt, als die Gründer von „Viscri Incepe“, Maria und Harald Riese, wieder nach Deutschland gingen“, erinnert sich die Leiterin Gabriele Gottschall. Dank ihr wird das Projekt unter dem Namen „Gutes aus Viscri“ von der Baden-Württemberg Stiftung gefördert.
Nun soll der Verkauf ausgebaut und auf stabile Beine gestellt werden: Internet-Plattform, Marketing und Vernetzung mit anderen Projekten - z.B. mit Stejarişu, wo seit letztem Jahr auch gefilzt wird. „Wir sind offen, auch wenn das  theoretisch Konkurrenten sind“ erklärt Tina Bing. Dass man nur gemeinsam stark ist, haben auch die Frauen von „Viscri incepe“ begriffen und bringen Neulingen das Filzen bei. Clan-orientiertes Denken ist einem neuen Zusammengehörigkeitsgefühl gewichen.
„Das Wichtigste aber ist, dass die Frauen lernen, Eigenverantwortung zu übernehmen“, betont Annette Schorb. In Seminaren lernen  sie Marketing, Kommunikation, Organisation. Synergie-Effekte gibt es durch Jugendarbeit, Hausaufgabenbetreuung und Unterstützung des Schultransports, sogar eine Krankenschwester wurde angestellt, die täglich Hausbesuche macht. Das Besondere ist die Breite der Angebote und der Beginn einer  Vernetzung mit anderen Dörfern. In der Jugendarbeit mit Behinderten will man bald auch mit einem Partnerverein in Cobor und einer Selbsthilfegruppe in Daişoara kooperieren.
„Ein spezieller und seltener Ansatz ist, dass wir hier kein reines Roma-Projekt haben“, erläutert Tina Bing.
Tag der offenen Tür in der alten Spinnerei: Der Regen hat die Straße in Schlamm verwandelt. Besucher drängen in den Hof des Gebäudes, das als  Jugendzentrum und Treffpunkt für die Frauen dient.
Ein Mädchen  führt vor, wie das Filzen geht, ein anderes zeigt das neue Warenlager. Wer hier nur auf die Fassade blickt, sieht hier nicht weit genug, denn in den Augen der Menschen spiegelt sich viel mehr: Stolz. Freude. Hoffnung!

Nina May, Journalistin, Bukarest


Artikel Badische Zeitung 25. Januar 2010

Statt betteln Socken stricken

Viscri – ein Sockendorf in Europa / Der Verein Insopro unterstützt das Selbsthilfeprojekt in Rumänien

 

Die Macher an einem Tisch (von links): Projektleiterin Gabriele Gottschall, zwei Mitarbeiterinnen des Projekts und Projektgründer Harald Riese. Foto: privat

STEGEN. Ein großes Sockenlager befindet sich seit Kurzem in den Räumlichkeiten des Vereins Institut für soziale Projekte (Insopro) in Stegen. Hunderte von reinen Schafswollsocken, Haussocken und Filzschuhen kommen aus Rumänien nach Stegen. Der Gründer des Projektes "Viscri-Socken”, Harald Riese, berichtete im Gespräch mit der BZ über die Anfänge dieses Sockenlagers.

Zusammen mit seiner Frau Maria Westerveld hat er das Projekt "Viscri-Socken” im Jahr 1993 ins Leben gerufen. Eines Morgens kam Leana nicht wie sonst zum Betteln vorbei. Sondern zum Tauschen. Sie kam in den Garten und zog ein paar selbst gestrickte Socken aus dem Mantel, die sie gegen ein Flache Öl tauschen wollte. Umgerechnet fünf Mark, den Lohn für zwei Tage Arbeit im Kuhstall, bot ihr der Nachbar Harald Riese, der gerade Besuch aus Deutschland hatte. Auch seinen Gästen gefiel die Ware, und sie orderten gleich mehrere Paare.

Schnell hatte sich diese Möglichkeit im Dorf herum gesprochen und bald wurden Socken geliefert, die sich in Deutschland sehr gut verkauften. Wenn man viele dieser Socken an Touristen oder gar gleich nach Deutschland verkaufen würde, ließe sich damit ein Lebensunterhalt erwirtschaften.

 

Mit dem Überschuss wurde eine eigene Spinnerei gekauft

Eine Idee war geboren: Socken aus Viscri, eine Art Hilfe zur Selbsthilfe. Die Frauen in Viscri erwirtschafteten schnell einen finanziellen Überschuss, der zum Kauf einer eigenen Spinnerei verwendet wurde.
Aber auch das Dorf profitierte von dem florierenden Socken-Geschäft, es wurde eine Suppenküche eingerichtet und Hausaufgabenbetreuung für die Kinder angeboten.

Heute stricken rund 80 Frauen im Dorf Socken oder filzen Schuhe und verdienen sich damit eine Art Grundeinkommen. Reich werden die Arbeiterinnen mit ihrer Tätigkeit nicht, aber sie genießen einige Privilegien, die auf dem Land in Rumänien keine Selbstverständlichkeit sind, wie zum Beispiel Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung.

Zusätzlich erhält jede Familie einer Strickerin im Todesfall ein Beerdigungsgeld. Die Textilien werden inzwischen in größerem Umfang in Deutschland auf Kirchen- und Weihnachtsbasaren und auf Bestellung verkauft. Ein "Sockenlager" entstand, um die eingehenden Bestellungen besser bedienen zu können. Bis auf die Strickerinnen selbst arbeiteten alle Beteiligten ehrenamtlich an dem Projekt mit.

Die jetzigen Hauptverantwortlichen Gabriele Gottschall, Michaela K. und Silke M. ergänzten die Ausführungen von Harald Riese mit den Details der momentanen Situation.

Die gemeinnützige Organisation Insopro nahm das Projekt "Viscri-Socken” im Jahr 2008 in ihre Konzeption mit auf. Ziel des Vereins "Insopro" ist es, mit der Übernahme des "Sockenlagers" und den damit verbundenen Aufgaben die Unterstützung des Projektes "Frauen stricken Socken" in Viscri einerseits sowie andererseits durch seine Beschäftigungs-, Beratungs-, und Bildungsangebote die berufliche und soziale Integration benachteiligter Menschen im Landkreis Breisgau- Hochschwarzwald zu fördern.

Von dem neuen Sockenlager sollen weiterhin viele Socken an frierende Menschen verschickt werden, erklärte Gabriele Gottschall. Außerdem können die handgearbeiteten Socken auf Märkten der verschiedensten Art erworben werden.

Institut für soziale Projekte e.V., Reckenweg 3, 79252 Stegen, Telefon 07661 – 6299203

Es gibt natürlich nicht nur Socken, sondern auch Taschen, Schuhe, Hüte und Anderes. Foto: Johanna Gregetz

Autor: Johanna Gregetz